fotografische Kameras

fotografische Kameras
fotografische Kạmeras,
 
optisch-feinmechanische Geräte für die fotografische Aufnahme, d. h. für die Belichtung fotografischen Materials mit dem von einem optischen System (fotografische Objektive) entworfenen reellen Bild; nach dem Prinzip der Camera obscura lichtdichte Gehäuse mit dem am Vorderteil angebrachten Objektiv und der im Rückteil befindliche Bildbühne sowie Einrichtungen für die Dosierung der Belichtungsmenge (Aperturblende und Verschluss), für die Bildkontrolle (Mattscheibe, Spiegelreflexsystem mit Einstellscheibe, Durchsichtssucher) und den Wechsel des belichteten Materials gegen unbelichtetes (Kassetten, Filmtransport).
 
 Kamerasysteme
 
Als Gehäusewerkstoff in der Kameratechnik hat sich Titan als leichtes, hochbeständiges Metall durchgesetzt. Neben die Kleinbildsystemkamera mit Wechselobjektiven treten automatische Spiegelreflexkameras mit eingebautem Zoomobjektiv, das sich auch bei Sucherkompaktkameras findet. Für die Belichtungssteuerung stehen außer der mittenbetonten Integralmessung und der selektiven Spotmessung die Multispotmessung mit mehreren Messpunkten und Highlight-Shadow-Control sowie Gegenlichtkompensation mit Blitzlicht zur Verfügung. Bei Autofokussystemen unterscheidet man den Modus Schärfepriorität (der Verschluss kann erst ausgelöst werden, wenn die Scharfeinstellung die Objektebene erreicht hat, zumeist bei Kompaktkameras) und den Modus Auslösepriorität (der Verschluss kann jederzeit ausgelöst werden, da das Messsystem einem sich bewegenden Objekt folgt, was z. B. für Sportaufnahmen von Bedeutung ist).
 
Beim Eye-controlled-Focus wird die Scharfeinstellung über die Augenbewegung beziehungsweise -stellung erreicht, wobei der LCD-Farbmonitor in der Kamera individuell auf das Auge eingemessen (kalibriert) werden muss. In der Kamera befindet sich unterhalb des Sucherokulars eine Infrarotdiode, die auf das Auge strahlt. Der vom Augapfel reflektierte Infrarotstrahl wird über einen dichroitischen (halbdurchlässigen) Spiegel und eine Polarisationslinse auf den Blickrichtungssensor geleitet, der aus Reflexionsgrad und -winkel den vom Auge im Sucher anvisierten Punkt errechnet und dieses Motiv automatisch scharf einstellt.
 
Die Mikroprozessoren in einigen Kameras steuern Kamerafunktionen nicht mehr abrupt, sondern über Fuzzylogik, d. h. eher »weich« und »verschwommen« an, was vielen Aufnahmesituationen entgegenkommt, allerdings erhöhten rechentechnischen Aufwand erfordert. Es ist jedoch auch die Rückkehr zum klassischen »mechanischen« Typ der Kleinbildkamera bemerkbar, die außer für die Belichtungsmessung keinen Batteriestrom benötigt und die Bildgestaltung nicht mehr der Automatik überlässt, sondern fotografisches Können erfordert.
 
 Kameraarten
 
Professionelle Kameras sind: 1) Fachkameras (Großbild-, Großformatkameras) für Aufnahmeformate bis 18 × 24 cm/8 × 10'' (für Planfilm, mit Adapter auch für Rollfilm) mit flexiblem Balgen als Gehäuse auf optische Bank (nur für Stativaufnahmen) oder Laufboden (auch für Handaufnahmen). Kennzeichnend neben dem großen Aufnahmeformat ist die vielfältige Verstellbarkeit und Verschwenkbarkeit von Objektivstandarte und Bildrückteil, durch die spezielle fotografische Aufgaben wie Entzerrung stürzender Linien und Schärfendehnung nach dem österreichischen Kartographen Theodor Scheimpflug (* 1865, ✝ 1911) gelöst werden können. Die Bildkontrolle erfolgt in der Bildebene auf der Mattscheibe, punktuelle Belichtungs- und Kontrastmessung ebenfalls in der Bildebene über eine Messkassette. Jedes der Wechselobjektive ist außer mit der Blende mit einem Zentralverschluss (Verschluss) ausgestattet. 2) Mittelformatkameras für Rollfilm 120 oder 220 in den Aufnahmeformaten 4,5 × 6 cm, 6 × 6 cm, 6 × 7 cm, 6 × 9 cm. Sie sind für Handaufnahmen geeignet, bieten statt Einzelaufnahmen einen gespeicherten Bildvorrat, zum Teil in auswechselbaren Filmmagazinen (16, 12, 10, 8 Aufnahmen auf Film 120, die doppelte Anzahl auf Film 220), wobei das Aufnahmeformat noch hinreichend groß für Retusche, Bildmanipulation oder als Grundlage für hochwertige Drucke ist. Manche Kameras verfügen mit Balgenzwischenstücken zwischen Objektiv und Gehäuse über (eingeschränkte) Verstellmöglichkeiten und/oder über Wechselobjektive. Sie sind Messsucherkameras (Entfernungsmessung) in Tubusbauweise oder kastenförmige Spiegelreflexkameras. Zweiäugige Spiegelreflexkameras haben für die Bildkontrolle und die Fokussierung ein Suchersystem mit eigenem Objektiv, dessen Bild über einen im Winkel von 45º angebrachten Spiegel auf eine an der Kameraoberseite befindliche, zur Bildebene konjugierte Einstellebene (»Einstellscheibe«) geworfen wird, wo es nicht wie in der Bildbühne kopfstehend, sondern aufrecht - allerdings noch seitenverkehrt - betrachtet werden kann; ein auf die Kamera gesetztes Umkehrprisma zeigt das Bild seitenrichtig. Sie besitzen außer dem Verschluss keine beweglichen Teile und sind sehr robust (besonders geeignet für den bildjournalistischen Einsatz). Bei einäugigen Spiegelreflexkameras ist der Reflexspiegel im Strahlengang des bilderzeugenden Objektivs angebracht und muss für die Dauer der Belichtung aus dem Strahlengang geschwenkt werden; auch die zur Fokussierung voll geöffnete Blende muss auf die Arbeitsblende (Blende) geschlossen werden (Blendenautomatik, Blendenvorwahl). Durch dieses System wird eine Sucherparallaxe (Parallaxenausgleich) vermieden, und das auf den Film gelangende Bild ist in Abhängigkeit von der Brennweite des eingesetzten Objektivs unmittelbar kontrollierbar (das Spiegelreflexprinzip wurde schon von T. Sutton angegeben, Patent 1860). 3) Kleinbildsystemkameras: Das von O. Barnack als optimale Bildgröße für die praktische Fotografie errechnete Aufnahmeformat 24 × 36 mm, für das sich der kinematographische Normalfilm (Kinefilm) anbot, beherrschte nach dem Erscheinen der »Leica« (»Urleica« 1913, Markteinführung 1925) als »Kleinbild« (in Patrone 135) bald alle Bereiche der Fotografie. Das kleine Format lieferte trotz der damals noch bescheidenen Filmqualitäten in Vergrößerungen annehmbare Ergebnisse und machte sich in der Folge die Tatsache zunutze, dass mit kleinen Kamera- und Objektivdimensionen optische Vorteile wie große Schärfentiefe, hohe Lichtstärken, lange und längste (aber dennoch praktikable) und ultrakurze Brennweiten sowie mit Schlitzverschlüssen kürzestmögliche Belichtungszeiten (heute 1/8000 s) gegeben waren. Die Kleinbildkameras (überwiegend einäugige Spiegelreflexkameras, Single-Lens-Reflex-, SLR-Kameras) eroberten der Fotografie völlig neue Bereiche. Zu ihrer Vielseitigkeit kommt heute die immer aufwendigere elektronische Ausstattung hinzu, durch die wesentliche Kamerafunktionen automatisiert werden: Belichtungsautomatik mit Belichtungsmessung durch das Objektiv (Through-the-Lens-, TTL-Messung), kontrastmessende Autofokussysteme, die als »vorausberechnender Autofokus« die Bewegungsrichtung von bewegten Objekten erkennen und ihre Position im Moment des Verschlussablaufs ansteuern, automatischer Filmtransport (die früher an die Kamera ansetzbaren »Winder« und »Motor-Drive« sind heute in den Kamerakörper integriert), automatische Eingabe von Filmempfindlichkeit (wird von der Patrone abgelesen) und fotografischen Programmen (z. B. für Sport-, Makroaufnahmen) über Einsteckchipkarten oder von Lesestiften abzufragende Balkenraster usw. Fuzzylogiksysteme gewähren eine größere Flexibilität der Funktionen.
 
Populäre Kameras waren früher Rollfilmkameras nach dem Vorbild der legendären »Kodak« von G. Eastman (1888). Sie suchen akzeptable Bildqualität mit einfachster Handhabung zu verbinden, z. B. sollten Fixfokusobjektive die Entfernungseinstellung überflüssig machen. Erfolgreich bis in die 1950er-Jahre war die kastenförmige Box (Boxkamera). Fixfokusobjektive der erforderlichen Brennweiten waren aber zu lichtschwach für gehobenere Ansprüche (1:11), Rollfilmkameras mit lichtstärkeren Objektiven (und zusammenklappbarem Balgen, Klappkameras) waren nicht mehr einfach zu bedienen. Ab den 1950er-Jahren brachte Kodak Kameras für Kleinbildfilm (Aufnahmeformat 28 × 28 mm) in der Kassette 128 heraus, die sehr einfach in die Kamera einzulegen war (Kodak Instamatic). Das Problem der einfachsten Handhabung bei gleichzeitig großem Anwendungsbereich der Kamera war jedoch nur auf zwei verschiedenen Wegen zu lösen: 1) Man verkleinerte das Aufnahmeformat und die Brennweite radikal, d. h., man griff auf den Bereich des Kleinstbildes zurück (der bis dahin speziellen Aufgaben vorbehalten war, z. B. die »Minox« als »Agentenkamera«) und schuf die Kleinstbildkamera (Aufnahmeformat 13 × 17 mm, Pocketkamera). 2) Man versah kompakt gebaute Kleinbildsucherkameras (Kompaktkameras) mit elektronischer Vollautomatik. Diese beiden Kameramodelle beherrschen seitdem den Markt. Keinen Erfolg hatte Kodak mit dem Bestreben, das Aufnahmeformat nochmals auf 8 × 10,5 mm zu verkleinern und damit zu Fixfokusobjektiven der Lichtstärke 1:2,8 (Brennweite 12,5 mm, mit asphärischer Linse) zu kommen. Die Filmstücke befinden sich auf einer kreisförmigen Kunststoffscheibe (Disc), die gleichzeitig magnetische Codes für die Großlaborverarbeitung enthält. Die Produktion dieser Disckameras wurde 1988 eingestellt.
 
Eine Brücke zwischen Kompaktkameras und SLR-Kameras zu schlagen versuchen Bridge-Cameras, für die sich noch keine deutsche Bezeichnung eingebürgert hat. Sie sind vielseitig, aber kompakt gebaut und verzichten auf Zubehör wie z. B. Wechselobjektive; sie haben dafür ein fest eingebautes Zoomobjektiv und arbeiten zum Teil mit dem Kleinbild-Halbformat (18 × 24 mm).
 
Sonderformen fotografischer Kameras sind u. a. Luftbildmesskammern (Messkammer), Sofortbildkameras (Sofortbildfotografie), Stereokameras (Stereoskopie), Aufnahmegeräte für die Hochgeschwindigkeitsfotografie und Still-Video-Kameras.
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
fotografische Apparate: Die Kameratypen
 

Universal-Lexikon. 2012.

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